1.4.4 Folgen für Geschwister und Überlebende

Und wer denkt an die Millionen von Abtreibungsüberlebenden?
Der dritte Teufelskreis ist bei weitem der Schlimmste. Er betrifft die Kinder, die einer Abtreibung überlebt haben: die Eltern haben eine Abtreibung vornehmen lassen, das Kind hat überlebt. Außerdem bezeichnen wir die Kinder als Überlebende, die in einer Familie geboren wurden, wo eine Abtreibung stattgefunden hat oder in Erwägung gezogen wurde. Es sind Kinder, die überlebten, während ihre Geschwister getötet wurden. Sie sind Überlebende.

Warum werden diese Kinder Überlebende genannt? Wenn in einem Land ein Viertel oder die Hälfte der Kinder vor der Geburt sterben, sind diejenigen, die leben, die Überlebenden. In einigen Ländern des Westens hat ein empfangenes Kind eine Überlebenschance von nur 10 Prozent. Sollte die gegenwärtige Tendenz anhalten, so die Experten, würden in nicht allzu langer Zeit 50 Prozent der Kinder auf der Welt Abtreibungsüberlebende sein, weil sie gewünscht wurden. Doch kann ihr Überleben auch dem Zufall zugeschrieben werden. Behinderte Personen z.B. wissen, daß sie oft ihr Leben nur dem Umstand verdanken, daß keine genaue vorgeburtliche Diagnose ihrer Behinderung erkannt wurde.

Die Psychiatrie unterscheidet zehn Typen von Abtreibungsüberlebenden, die alle psychogene Störungen aufweisen:
1.) Die statistisch Überlebenden: Dabei handelt es sich um Personen, welche in einem Land geboren werden, wo die große Wahrscheinlichkeit besteht, daß sie eigentlich hätten abgetrieben werden sollen, wie z.B. in China. Ein Kind, welches in China lebt, weiß, daß es ein großer glücklicher Zufall ist zu leben, und es weiß, daß es gewiß Brüder und Schwestern hat, denen diese Chance verwehrt wurde.

2.)Die Überlebenden eines Abtreibungsentschlusses: Die Eltern haben lange überlegt, die Ärzte haben Untersuchungen durchgeführt, bevor die Entscheidung getroffen wurde, das Kind zu behalten oder nicht.

3.) Diejenigen, die abgetriebene Geschwister überlebt haben: Viele Kinder werden in Familien geboren, wo ein Bruder oder eine Schwester oder mehrere Geschwister getötet worden sind.

4.) Die unerwünscht Überlebenden, zu denen die Eltern sagen: “Ich hätte dich abtreiben sollen, du bist nur eine Last. Ich habe für dich alles aufgeopfert.”

5.)Die behinderten Überlebenden: Immer mehr behinderte Kinder wissen, daß sie nur deshalb am Leben sind, weil man ihre Behinderung nicht vor der Geburt diagnostiziert hat.

6.) Überlebende Zwillinge oder diejenigen einer künstlichen Befruchtung: Immer mehr Kinder gibt es, deren Zwillingsgeschwister abgetrieben wurde. Bei der künstlichen Befruchtung werden “sicherheitshalber” immer mehrere Eier befruchtet und eingepflanzt. Oftmals entstehen dann Mehrlingsschwangerschaften. Da man aber mehrere Kinder nicht will, werden die “überzähligen” Embryonen getötet.

7.) Überlebende nach mißlungener Abtreibung

8.) Getötete Überlebende: Es gibt bei fortgeschrittener Schwangerschaft Spätabtreibungen, die das Kind überlebt. Doch sie werden vom medizinischen Personal getötet, zum Sterben in einen Abfalleimer geworfen oder einfach auf einem Tisch liegen gelassen. Wenn auch das Leben dieser Kinder nur sehr kurz war, hinterläßt ihr Tod unauslöschliche Spuren bei denjenigen, die sie getötet haben.

9) Überlebende als Glücksfall: “Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich dich abgetrieben.”

10.) Überlebende durch Unentschlossenheit der Eltern: “Ich habe gezögert, bis es zu spät war für eine Abtreibung”.


Typische Symptomatik von Kindern, die abgetrieben werden sollten und doch überlebt haben und von jenen Kindern, deren Geschwister abgetrieben worden sind:
Es ist leicht zu verstehen, daß ein Kind, das eine Abtreibung überlebt hat, durch den Abtreibungsversuch, den es durchgemacht hat, bedeutsame psychische und wohl auch physische Schäden davonträgt.
Bindungslosigkeit und gleichzeitig Verlassenheitsängste, Unfähigkeit irgendjemanden zu vertrauen, Vernichtungsängste und Panikgefühle. Selbstzerstörerische Tendenzen zeigen sich oft schon recht früh, vor allem in Schwellensituationen wie der Pubertät, bei ersten Partnerbeziehungen, in Prüfungssituationen. Die meisten haben lebenslang beträchtliche Schwierigkeiten, ein Gefühl für ihre Identität zu finden. Übermäßiges Anlehnungsbedürfnis. Massive Kontaktschwierigkeiten, das Gefühl “falsch” zu sein und damit auch alles falsch zu machen kann ein lebenslanges Grundgefühl sein. Ständig müssen sie um ihre Existenzberechtigung kämpfen, auch später im Berufsleben. Isolationsgefühle, generelle Unsicherheit, schwere Neurosen und Psychosen wie auch erhöhte Selbstmordgefährdung konnte man eindeutig bei solchen Jugendlichen und Erwachsenen feststellen, deren Mütter sie nicht austragen wollten. Auffällig war, daß solche Kinder fast immer eine schwierige Geburt mit all ihren Folgen zu leiden hatten. Das Strafregister zeigt eine dreifache Straffälligkeit in schwerwiegenden Straftaten auf. Wesentlich mehr Drogen -, Alkohol- und Tablettenkonsum.
Man beobachtete auch immer wieder, daß sich an den Körperstellen, die bei Abtreibungsversuchen verletzt wurden, sich Krebs gebildet hat.

Die Folgen für den Überlebenden einer Abtreibung sind vielfältig und sehr schwer zu ertragen. Es ist anzunehmen, daß die meisten Kinder es wissen oder zumindest ahnen, wenn in der Familie eine Abtreibung stattgefunden hat. Ein Kind kann auf verschiedene Weise in Erfahrung bringen, daß seine Mutter eine Abtreibung vorgenommen hat. Welches sind die Folgen für so ein Kind, wenn es weiß, daß seine Eltern das Recht über Leben oder Tod ihres nicht erwünschten Kindes beanspruchen! Eine schreckliche Situation für das Unterbewußtsein des Kindes, das sich sagt, es müsse, um zu überleben, unter allen Umständen und um jeden Preis immer ein Wunschkind bleiben. Eine tiefe existentielle Angst! Beziehungen und Zuneigung dieser überlebenden Kinder zu ihren Eltern sind von Unruhe und Unsicherheit geprägt. Diese Kinder sind passiv, ergeben, ängstlich oder erscheinen während ihrer frühen Kindheit feindlich gesonnen. Sie “explodieren” im Moment der Adoleszenz. Existentielle Wut, Gewalt, Selbstmord, Haß gegen die Gesellschaft, die die Ungeborenen nicht vor mörderischen Absichten der Eltern schützt, Zorn und Empörung gegen die Eltern. Da sie lange am dünnen Faden der Willkür ihrer Eltern gehangen haben, werden sie im Jugendalter aufrührerisch, jähzornig und zu willkürlichen Zerstörern. Die Psychiater erkennen deutlich, daß in einer Gesellschaft, wo die junge Generation gemischte Gefühle gegenüber ihren Eltern hat, weil sie ein Geschwister umgebracht haben, es nicht besonders schwierig sein wird, die Euthanasie zu bejahen und zu betreiben. Wenn die Eltern alt und schwach geworden sind, entfesselt sich gegen sie eine Art Todeshaß. Da solche Kinder ihren Eltern nicht getraut haben, trauen sie auch sich selbst nicht. Sie haben Angst, selbst Eltern zu werden. Es ist wichtig zu unterstreichen, daß ein Überlebender nicht glücklich ist zu leben.

Das klinische Bild des Überleben-Syndroms könnte man so zusammenfassen:
1. Existentielle Schuld: “Ich sollte nicht am Leben sein, ich bin verantwortlich für den Tod meines Bruders.” oder: “Das Todesurteil über mich ist ja schon gesprochen. Früher oder später wird es vollstreckt werden. Warum sollte ich denn für die Zukunft planen?” “Vielleicht wären meine Eltern froh, wenn ich sterben würde.”

2. Existentielle Angst: “Ich will leben, aber ich bin verdammt, es wird mir etwas zustoßen..” Selbstverstümmelung, Selbstmordgedanken, Flucht in die Droge sind Manifestationen dieser existentiellen Angst.

3. Ängstliche und gemischte Gefühle in der Beziehung zu den Eltern und später im Erwachsenenalter zu anderen Menschen.

4. Die Angst um das Wissen: “Ich muß es wissen, aber ich habe Angst davor, ich habe Angst vor der Wahrheit.”

5. Das Mißtrauen: Meine Eltern sagen, daß sie mich lieben, aber ich weiß, daß sie bei mir über eine Abtreibung nachgedacht haben. Ich kann ihnen nicht trauen, ich kann niemandem trauen.” “Es ist gescheiter, egoistisch und narzißtisch zu sein.”

6. Mangelndes Selbstvertrauen: Wenn das Kind den Eltern nicht trauen kann, kann es auch kein Selbstvertrauen entwickeln. Die Überlebenden von Abtreibungen sind also leicht beeinflußbar.
7. Ontologisches Schuldgefühl: “Ich sollte nicht am Leben sein, warum meine Talente entwickeln, wozu wird das nützen?”

8. Verlust der Liebe: Der Überlebende einer Abtreibung weiß nicht, was Liebe ist. Es ist für ihn schwierig, eine Vertrauensbeziehung zu Gott herzustellen und er hat Mühe, Gott als liebenden Vater zu erkennen.

9. Bei Abtreibungen von einem Zwilling, oder den “überzähligen Embryos bei IVF: ”Meine Eltern haben mein Geschwisterchen (oder mehrere meiner Geschwister) abgetrieben. Es hätte genauso mich treffen können.... Ob sie mich überhaupt wollen? Oder: ”Ich bin schuld, daß mein Zwillingsgeschwister nicht lebt.”

Unmittelbar anschauend wird das Problem des Ungewolltseins, wenn ein vor der Geburt ungewolltes Kind seine Mutter nach der Geburt nicht annimmt (z.B. nach mißlungenen Abtreibungsversuchen) und den Kontakt zu ihr verweigert


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